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27.08.2011

Der junge General spendiert Sekt

Heute startet der Dirigent Michael Sanderling als neuer „General“ der Dresdner Philharmoniker. Sein Saisonthema ist Liebe. Und er sagt: „Ich bin heiß.“

Was für ein Versprechen! Wenn heute der Dirigent Michael Sanderling im Dresdner Kulturpalast sein Amt als neuer Chefdirigent der Dresdner Philharmonie antritt, dann tut er das mit einer der schönsten Liebesgeschichten. Er musiziert mit seinem Orchester Sergej Prokofjews „Romeo und Julia“. Dies passt besonders, weil der 44-Jährige seiner ersten Saison das Thema Liebe gab. „Liebe zeugt von tiefer Wertschätzung und entsteht laut Casanova zu drei Vierteln aus Neugier“, sagt Sanderling. Er will sowohl die Musiker als auch das Publikum gewinnen.

Die Musiker hat er schon so gut wie auf seiner Seite. Sie hatten ihn ja vor einem Jahr mit übergroßer Mehrheit gewählt, obwohl er erst seit zehn Jahren dirigiert. Ihr neuer Chef war zuvor Cellist unter anderem beim Leipziger Gewandhausorchester gewesen. Wohl verfügt Sanderling deshalb noch nicht über die Werkerfahrung wie ein reifer Maestro. Aber er weiß, wie sich Musiker fühlen, die nach einer Pfeife tanzen müssen. Und will deshalb nicht befehlen – „die Zeiten der Pultdespoten sind ohnehin vorbei“ –, sondern lädt zu „gemeinsamen Entdeckungsreisen“ ein.

Auch das Publikum soll Liebe spüren und neugierig sein. Der „Musik-General“ verspricht interessante Programme und startet mit einer schönen Geste. Seine ersten Konzerte von heute bis Sonntag sind faktisch gratis. Und ein Glas Sekt gibt’s noch dazu. Das kommt an. Nur noch für die Sonntag-Aufführung ab 19.30 Uhr gibt es wenige Restkarten für fünf Euro.

Für vorerst drei Jahre übernimmt der gebürtige Berliner die Philharmonie. Er kennt das Orchester ebenso wie die Sächsische Staatskapelle von erfolgreichen Konzerten als Musiker und Dirigent. Außerdem war sein Vater, die Dirigentenlegende Kurt Sanderling, einst Chef der Kapelle. Der dürfte ihm von hiesigen Gepflogenheiten und Besonderheiten berichtet haben.

Sanderling Junior jedenfalls stellt sich tatsächlich auf sein neues Publikum ein. Pünktlich zum Dienstantritt hat er eine Wohnung in Dresden bezogen. Nur so – und nicht als Hotel-Maestro – könne er sich mit einem Ort identifizieren.

Auch die Arbeit mit den Philharmonikern läuft prima, sagte er gestern: „Wir haben sofort zu einer sehr konzentrierten Arbeit gefunden.“ Sie wüssten, dass sie unter besonderer Beobachtung stehen. Nervös sei er nicht, so Michael Sanderling, sehnt dennoch den Start herbei: „Ich bin gebührend heiß – dem Anlass angemessen freudig erregt.“

Sächsische Zeitung am Freitag, 26. August 2011